egger gilJeder Abonnent einer Zeitung oder Zeitschrift gibt seinen Namen, seine Adresse, manchmal auch seine Telefonnummer und auch sein Alter an. Wenn er dann sein papierenes Heft in der Hand hat, wird keine weitere seiner Geschmacksrichtungen entschleiert. Ganz anders verhält es sich bei den Sozialen Netzen. Jeder Klick, jede Sekunde wird registriert. Und das Verhalten hat Konsequenzen.

Ich suchte einen Transformator. Da es mir nicht möglich war, mit meinem Apparat in ein Elektrogeschäft zu gehen, weil es leider keine Elektroläden mehr gibt, entschloss ich mich, im Internet zu nachzuschauen. Nach langem Suchen wurde ich fündig. So glaubte ich wenigstens, ich sähe, wenn die Ware eintreffen würde, was ein Fachmann in zwei Minuten verstanden hätte. Die Suche im Netz kostete mich eine Stunde, ohne Gewissheit auf Erfolg. Am folgenden Tag steige ich wieder im Facebook ein: Überraschung! Ein Elektrostecker erscheint als Werbung rechts auf dem Bildschirm - völlig unbrauchbar für mich. Sie figurierte auf einer Seite, die ich angeklickt hatte.

 Alles, was ich tat wurde erkannt. Das war ärgerlich, aber nicht schlimm. Aber der Skandal des Absaugens persönlicher Daten von 87 Millionen Benutzern im Facebook durch Cambridge Analytica machte eines Tages klar, wie diese enormen Datensammlungen verwendet werden. Eines schönen Tages können sie ganz andern als ökonomischen Zielsetzungen dienen.

Nach alldem, wenn das elektrische Ding, das ich kaufte, meinem Bedürfnis entspricht, ist es egal, was mir da noch angeboten wird, denn ich brauche es nicht. Das Problem ist anderswo - es wurde bei Wahlen klar erkannt. Man äusserte den Verdacht, dass da manipuliert werde. Dies betraf vor allem Russland. Viele russische Benutzer von Facebook wurden nachträglich gesperrt. Konnten sie die öffentliche Meinung beeinflussen? Es ist nicht schwer, sich dies vorzustellen. Nach Bestandesaufnahme der "ich liebe" einer Person weiss man, ob sie ökologisch eingestellt ist, ob sie um ihren Job bangt oder empört ist wegen der Umweltverschmutzung. Kurz gesagt, man kennt sie. So kann man ihr die "guten" Ideen eines Kandidaten vor Augen führen, die "schlechten" seiner Gegner. Subtil, automatisch, regelmässig. Man würzt das Ganze mit dem Geruch eines Skandals und man erhöht die Zahl der Angesprochenen und auch den Druck auf sie. Kommentare und Anregungen in privatem Gesprächston werden wiederholt an Millionen von Personen gerichtet, die an einem genügend grossen Teil des Elektorats nagen, um die Waage auf die andere Seite zu kippen. Das ist noch beunruhigender, weil ein Teil der Bevölkerung dazu neigt, alles und egal was ohne Überprüfung zu glauben, statt sich eine Meinung zu bilden auf Grund von Medieninformationen und nicht durch den Einfluss skrupelloser Netzwerke.

Die Lektion dieses Typs von Skandalen wird sein, dass die Verbreiter der Fake News, wenigstens zum Teil, einer Scheinkontrolle unterzogen werden. Welchen Preis müsste man den Lügenstreuern zahlen, dass sie aufhören würden mit der Beeinflussung von Meinungen? Unsere persönlichen Daten sind wertvoll, nur nicht für uns. Um mit dem Feuer zu spielen, haben die Zauberer des Internets eine vorhersehbare Reaktion ausgelöst: Überall verlangt man die Schaffung eines Kontrollorgans. Wie gewohnt, ein Auswuchs der Freiheit hat eine Einschränkung der sogenannten Freiheit zur Folge.

Gil Egger, Präsident